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Wenn der Chef im ersten Lehrjahr ist



Starkes Team: Diane und Klaus-Peter Maass haben vor sieben Jahren die Tischlerei Stappen übernommen.

10.12.2020

Viersener Tischlerei Stappen besteht seit 90 Jahren


Vor 90 Jahren ist die Tischlerei Stappen in die Handwerksrolle eingetragen worden. Heute führt Klaus-Peter Maass das in Viersen-Süchteln ansässige Unternehmen, das er Mitte 2013 in einer schwierigen Zeit übernommen hat.

Klaus-Peter Maass lächelt, aber er meint das durchaus ernst: „Ich hab‘ überhaupt keine Ahnung. Meine Mitarbeiter haben mal zu mir gesagt: Du bist der Praktikant.“ Nun ja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Der 64-Jährige hat Fahrzeugtechnik studiert und fast 30 Jahre bei Automobilherstellern und -zulieferern gearbeitet: „Da habe ich gelernt zu entwickeln.“ Im Prinzip mache er das heute ebenfalls. Beispiel: Es gibt eine technische Aufgabenstellung; vielleicht möchte jemand seinen Fernseher an die Wohnzimmerwand hängen. Diese Aufgabe löse er mit und für den Kunden, erläutert Maass, der bekennt: „Ich habe noch nie an einer meiner Maschinen gearbeitet.“

Muss er auch nicht, denn der Erfolg gibt ihm recht: Vor siebeneinhalb Jahren übernahm er die Tischlerei. Ende 2012 war Thomas Stappen, der den Betrieb in dritter Generation geführt hatte, mit Mitte 50 an einer schweren Krankheit verstorben, seine Witwe suchte einen Nachfolger für das Unternehmen. Maass erinnert sich gut daran, was Ursula Stappen damals zu ihm sagte: „Die Firma braucht einen Kapitän.“

Und Klaus-Peter Maass war bereit. Längst hatte er eine Allergie gegen Flughäfen entwickelt, in seinem Beruf als Fahrzeugtechniker musste er oft wochenlang unterwegs sein. „Ich wollte schon immer ein eigenes Unternehmen haben, und hier hatte ich den Eindruck: Das passt. Diese Chance musst du nutzen“, berichtet er. Seine Ehefrau Diane, gelernte Reiseverkehrskauffrau und früher Inhaberin des Reisebüros Dohms in Süchteln, unterstützte ihn von Anfang an. „Es war ein Kraftakt, die Firma in so kurzer Zeit zu übernehmen, aber wir haben es hinbekommen“, erzählt sie. Der Betrieb warb offensiv. Nach einem halben Jahr ging es langsam aufwärts.

Bei alldem setzte Maass auf das bewährte Team: „Wir haben die komplette Mannschaft übernommen. Die Mitarbeiter sind auch alle noch da – und einige dazu.“ Heute beschäftigt die Tischlerei rund 20 Mitarbeiter, darunter mehrere Auszubildende. Um ganzheitliche Lösungen realisieren zu können, unterhält der Betrieb ein enges Netzwerk von Spezialisten aus verschiedenen Bereichen: Maler, Stahlbauer, Sanitär- und Heizungsexperten, Elektroinstallateure, Architekten.

„Bei uns geht es nicht nur um Möbel, sondern auch um Komplettlösungen. Wenn ein Kunde seine Küche umbauen will, aber weiter nichts damit zu tun haben möchte, realisieren wir das für ihn“, erklärt Maass. Natürlich fertige die Tischlerei aber auch das Gartentörchen, den Schlafzimmerschrank, den Einlegeboden fürs Regal – oder, wie vor einiger Zeit, einen Kaninchenstall mit Fußbodenheizung. „Das Volumen unserer Aufträge reicht von 5 bis 150.000 Euro“, sagt Diane Maass, die sich im Betrieb um Finanzen, Marketing und Personalführung kümmert. Sie hält ihrem Mann den Rücken frei. Der sagt freimütig: „Ich kenne die Kontostände nicht.“

Eine große Kundengruppe sind Ärzte, die ihre Praxen umbauen oder neu einrichten wollen. Darunter sind viele Urologen, Gynäkologen, Hautärzte oder auch Augenärzte. Im Verbund mit einem Architekten und einem Planungsbüro bildet die Tischlerei Stappen ein Experten-Team für Praxis- und OP-Konzepte. „Wir planen, koordinieren und liefern auf Wunsch quasi schlüsselfertig – das reicht bis zu den Verdunkelungsrollos für den Ultraschallraum oder dem Handtuch für die Sanitäranlage“, erläutert Maass.

Als vor einiger Zeit ein Augenarztzentrum eingerichtet werden sollte, sah er sich eine Augen-Operation an, um die Abläufe kennenzulernen. Anschließend wusste er, wo die Steckdosen und Anschlüsse platziert werden mussten – und dass ein bestimmter Wunsch des Arztes nicht wirklich viel Sinn machte. Das erklärte er dann auch dem Mediziner. Der kommentierte: „Sie sind aber ein Klugscheißer.“ Maass sah‘s als Kompliment. Er nimmt es gerne genau. Das hat sich herumgesprochen. Die Tischlerei aus Viersen-Süchteln war schon auf Baustellen in Münster, Remscheid, Dortmund oder Bochum unterwegs. Vor einiger Zeit kam sogar eine Anfrage aus Stralsund.

Für die Zukunft haben die Eheleute Maass konkrete Pläne: Bis 2023 wollen sie sich aus dem Betrieb zurückziehen. „Die Firma ist so aufgestellt, dass sie nicht von mir persönlich abhängig ist. Das Tischlern funktioniert ohne mein Zutun“, sagt Klaus-Peter Maass. Die drei Töchter haben sich beruflich anders orientiert. „Aber wir haben pfiffige, hochmotivierte junge Mitarbeiter um Mitte 30“, sagt Maass. Er plant eine Vergrößerung des Betriebs, deshalb soll ebenfalls bis 2023 ein neuer Standort innerhalb der Stadt Viersen bezogen werden.

Große Pläne also, erst recht für einen, der angeblich keine Ahnung hat. Diane Maass erzählt dazu die Geschichte, als sie vor einiger Zeit ungeplant ins Krankenhaus musste: „Ich liege also aufgeregt und mit Schmerzen in der Notaufnahme, und was macht mein Mann? Er schaut sich im Raum um und sagt: ,Der Sockel geht gar nicht. Und die Türen sind viel zu dünn.‘“

Klaus-Peter Maass lacht, als er die Episode hört. Okay, sagt er, „inzwischen bin ich vielleicht nicht mehr der Praktikant, sondern im ersten Lehrjahr“.

Info:

Als der Bildhauer Hermann Stappen in der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre erkannte, dass seine Kunst eine eher brotlose war, machte er seinen Schreinermeister und eröffnete seine eigene Tischlerei in Viersen. Fast viereinhalb Jahrzehnte später übergab er das Unternehmen an seinen Sohn Peter, der es bis zu seinem plötzlichen Tod 1989 leitete. Dessen Sohn Thomas übernahm den Betrieb in dritter Generation. 1995 zog die expandierende Tischlerei von Viersen-Bockert in den Stadtteil Süchteln. Thomas Stappen starb Ende 2012. Seit Mitte 2013 führt Klaus-Peter Maass die Tischlerei unter dem alten Namen weiter.