< Drei Fragen an ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke zum Ausbildungsmarkt

"Das Handwerk bleibt in weiten Teilen auch in diesen Zeiten eine sichere Bank"

14.09.2020

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke spricht im Interview mit Rena Lehmann von der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) über die Auswirkungen der Corona-Krise und über die guten Zukunfts- und Karrierechancen für Auszubildende im Handwerk:


Herr Schwannecke, wie kommt das Handwerk durch die Krise?
Die handwerklichen Betriebe haben die ganze Bandbreite der Betroffenheit erlebt.

Inwiefern?
Manche haben einen vollständigen Lockdown ihres Geschäfts und kompletten Umsatzausfall erlebt, einige wenige sogar Umsatzzuwächse. Alle Handwerke, die eine starke Nähe zum Kunden voraussetzen, wie etwa Friseure, Augenoptiker oder Hörakustiker, haben im Lockdown die volle Breitseite abbekommen. Da war bis zu den Lockerungen erst einmal nichts mehr möglich. Dagegen konnten die Bau- und Ausbaugewerke - vor allem draußen - so gut wie ungehindert weiterarbeiten. Eine neue Lust aufs Rad während der Corona-Zeit hat vielen Zweiradmechatronikern sogar steigende Umsätze beschert. Wie auch einigen Lebensmittelhandwerken, die nicht im Catering aktiv waren. Viele, die im Home-Office arbeiten mussten, gingen wieder vermehrt zu ihrem Bäcker oder Metzger um die Ecke.

Wen hat es besonders hart getroffen?
Der komplette Messebau und der Catering-Bereich haben über Wochen gar nicht arbeiten können. Da zeichnet sich auch so schnell keine Besserung ab. Mit den Lockerungen hat sich für viele Gewerke die Lage zwar entspannt, ans Vorkrisenniveau lässt sich aber - auch wegen der hygienischen Vorgaben für den Geschäftsbetrieb – noch nicht anknüpfen. Die im Lockdown entgangenen Umsätze können bis zum Jahresende nicht wieder aufgeholt werden. So optimistisch und gut das Handwerk ins Jahr gestartet ist, so sehr macht Corona ihm einen Strich durch die Rechnung: Dieses Jahr wird das Handwerk insgesamt wohl erstmals seit 2013 wieder einen Umsatzrückgang ausweisen müssen.

Wie lange wartet man derzeit auf einen Handwerker?
Das variiert von Gewerk zu Gewerk: In den Bau- und Ausbaugewerken lag die Wartezeit zu Beginn des Jahres noch bei knapp 12 Wochen, das ist jetzt spürbar kürzer.

Warum wartet man jetzt kürzer?
Wir hatten in der harten Phase der Pandemie den Effekt, dass viele Menschen verunsichert waren und erstmal keine Handwerker mehr ins Haus gelassen haben. Aufträge wurden storniert. Teils auch, weil sich Verbraucher wegen der eigenen unsicheren Joblage bei größeren Ausgaben zurückhielten – und das auch immer noch tun. Beim Bau- und Ausbau haben wir die große Sorge, dass – wenn erst einmal der Auftragsstau abgearbeitet ist - nicht genügend neue Aufträge reinkommen und im weiteren Jahresverlauf Umsatzeinbrüche drohen. Die Auftragspolster werden erkennbar dünner, die Wartezeiten damit kürzer.

Warum sollte gerade jetzt niemand mehr Handwerker bestellen wollen?
Viele Menschen sind verunsichert, viele sind in Kurzarbeit. Da guckt man natürlich stärker aufs Geld. Man wartet vielleicht mit der Renovierung lieber ab, bis wieder mehr Klarheit herrscht, ein Impfstoff verfügbar ist. Auch die Kommunen sind zögerlich mit Auftragsvergaben. Da ist es nur gut und richtig, dass sie durch das Konjunkturpaket unterstützt werden. Wir haben massiv dafür geworben, dass Kommunen jetzt keine Ausschreibungen zurückziehen, Aufträge nicht stornieren und Projekte einsparen. Das darf nicht passieren. Die öffentliche Hand hat hier auch eine Vorbildfunktion.

Überschuldete Unternehmen sind noch bis Ende des Jahres von der Pflicht befreit, Insolvenz zu beantragen. Hilft das den Handwerksunternehmen?
Ich halte es für eine sicher schwierige, aber in dieser Lage richtige Entscheidung, die Unternehmen bis zum Ende des Jahres von der Pflicht zu befreien. Aber es bleibt eine Gratwanderung:  Schließlich kann die Wirtschaft kein Interesse daran haben, nicht mehr lebensfähige Unternehmen künstlich am Markt zu halten. Der Wirtschaftsverkehr ist auf Vertrauen untereinander angewiesen. Dieses Vertrauensprinzip ist gefährdet, wenn ich auf dem Markt nicht mehr erkennen kann, ob ich ein Unternehmen vor mir habe, das lebensfähig ist oder nicht. Wenn das Vertrauen nicht mehr da ist, weil die Anmeldung eines Insolvenzverfahrens nicht mehr dokumentiert ist, dann muss ich mir als Unternehmer Sicherheit schaffen. Das kann dazu führen, dass künftig vielleicht Vorauszahlungen und Sicherheiten verlangt werden. Das wäre fatal, weil es die Finanzdecke kleiner Unternehmen zusätzlich schmälert. Der Vertrauensgrundsatz muss gewahrt bleiben, deshalb ist die Verlängerung bis Ende des Jahres das letzte Mittel. Weiter dürfen wir es nicht verlängern.

Und was halten Sie von der Verlängerung der Kurzarbeit?
Man hätte die Kurzarbeit nicht jetzt schon bis Ende nächsten Jahres verlängern müssen. Da hätte man die Entwicklung der nächsten Monate noch abwarten können. Vom Grundsatz her aber ist es richtig, über Kurzarbeit die Beschäftigten über die Krise hinweg in den Unternehmen zu halten. Das liegt natürlich in unser aller Interesse. Man muss allerdings aufpassen, dass sich niemand zu sehr daran gewöhnt.

Wie kann Unternehmen geholfen werden, die besonders in Schwierigkeiten geraten sind?
Zu Beginn der Pandemie war noch Eigenkapital da, auch weil die Betriebe es in den Vorjahren aufgestockt hatten. Inzwischen ist aber ein Großteil dieses Geldes in die Betriebe gepumpt worden, um sie am Markt zu halten. Den großen Unternehmen wie Lufthansa oder Tui wurde über Staatsbeteiligungen geholfen. Da sollte man doch wohl auch für die kleinen und mittleren Unternehmen, die das Handwerk ausmachen, Beteiligungsformen finden, mit denen sich das Eigenkapital wieder erhöhen ließe. Hier könnten die Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften eine wichtige Rolle spielen.

Wie gut konnten die Ausbildungsplätze in diesem Jahr mit Lehrlingen besetzt werden?
Der Ausbildungsmarkt hat durch Corona deutlich Schlagseite bekommen. Wir haben noch fast 30.000 offene Ausbildungsplätze. Im Zeitraum Januar bis Mai sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bis Ende Mai 18,3 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden, im Juni 16,6 Prozent, Ende Juli 13,0 Prozent. Ende August waren es 10,1 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge oder 12.100 weniger als ein Jahr zuvor. Das heißt, die Schere schließt sich schrittweise und wir hoffen, bis Jahresende noch weiter aufholen zu können.

Woran liegt das?
Corona kam ausgerechnet in einer Zeit, in der üblicherweise die Vertragsanbahnung läuft, also im Frühjahr. Wegen der Corona-Beschränkungen gab es keine Berufsorientierung in den Schulen, keine Ausbildungsmessen, keine Betriebspraktika. Das hat es schwer gemacht, dass Ausbildungswillige und Betriebe zusammenfinden. Hinzu kommt: Grundsätzlich haben wir weniger Schulabgänger und die berufliche Bildung steht unter Druck, weil die Jugendlichen sich heute eher für höhere Schulabschlüsse und ein Studium entscheiden.

Was heißt das jetzt für die Betriebe?
Es muss uns gelingen, noch möglichst viele offene Stellen zu besetzen. Die Betriebe wollen ausbilden. Und ich kann Jugendliche nur ermuntern, eine Ausbildung im Handwerk zu starten, denn die Chancen sind super. Handwerk wird in den nächsten Jahren eine Schlüsselrolle spielen beim Klimaschutz, bei der Energieeffizienz, bei der Nachhaltigkeit, bei der Mobilität, bei E-Health und SmartHome. Um all das in die Fläche zu bringen und umzusetzen, braucht es Handwerkerinnen und Handwerker.

Hat man denn im Handwerk nach wie vor die Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz?
Die Wirtschaft befindet sich in Unsicherheit und in Umbrüchen. Das Handwerk bleibt in weiten Teilen in diesen Zeiten eine sichere Bank. Und das gilt umso mehr in der Zukunft, weil Handwerk auf allen künftig wichtigen Arbeitsfeldern mit dabei sein wird. Alle Lebensbereiche brauchen Handwerkerinnen und Handwerker: für die anstehenden Umstellungsprozesse etwa im Energie- und Mobilitätsbereich, aber immer auch weiter für die tägliche Daseinsversorgung mit Lebensmitteln und Dienstleistungen. Deshalb bin ich optimistisch.

Welche Auswirkung wird der höhere Mindestlohn im nächsten Jahr haben?
Kostensteigerungen für die Betriebe sind in dieser Phase nicht glücklich, aber wir werden damit leben müssen.

Welche Entwicklung sehen Sie bei den Sozialversicherungsbeiträgen?
Die Entwicklung der Sozialversicherungsbeiträge macht uns Sorgen. Handwerk ist ein besonders personal- und beschäftigungsintensiver Bereich. Wir haben Personalkosten und Lohnanteile von 80 Prozent und mehr. Wenn Sozialabgaben steigen, dann merken das unsere Betriebe sofort. Jeder Euro, den sie mehr an Sozialabgaben berappen müssen, erhöht die Kosten. Das wirkt sich im Wettbewerb aus. Die Höhe der Sozialbeiträge wird künftig darüber entscheiden, ob ein Handwerksunternehmen insbesondere in den Schwellenbereichen zur industriellen Fertigung noch bestehen kann.

Was schlagen Sie denn vor?
Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag darf 40 Prozent des Bruttolohns nicht übersteigen, und zwar auch über 2021 und die bis dahin von der Bundesregierung abgegebene Sozialgarantie hinaus. Die Schrauben bei den Sozialabgaben immer weiter anzuziehen, das geht nicht mehr lange gut. Handwerksbetriebe weichen nicht ins Ausland aus, sie sind standorttreu, das sollte belohnt werden. Ein wichtiges Signal wäre es beispielsweise, wenn man die Kosten der Ausbildung für die Betriebe reduzieren würde, indem man im Ausbildungsverhältnis keine Sozialabgaben zahlt. Der Student ist bis 25 bei den Eltern mitversichert. Bei der Ausbildung zahlen der Auszubildende und der Betrieb diese Kosten. Das halten wir für ungerecht. Und es ist weit entfernt von einer zwar wortreich beschworenen, aber im Alltag eben immer noch nicht gleichwertigen Behandlung beruflicher und akademischer Bildung.

Die Regierung streitet über ein Lieferkettengesetz, morgen gibt es dazu ein Krisentreffen von Heil, Müller und Altmaier. Ist das Handwerk besorgt über die Pläne von Heil und Müller?
Wir im Handwerk und der gesamten Wirtschaft halten ein solches Gesetz für unnötig, nicht zuletzt weil sich bereits jetzt viele deutsche Unternehmen richtigerweise dafür engagieren, dass globale Lieferketten verantwortungsvoll gestaltet und Menschenrechte eingehalten werden. Das Gesetz ist überhaupt nicht praxistauglich und wird - und das in einer ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Situation - gerade international operierende Unternehmen erheblich belasten. Trotz des geplanten Schwellenwertes von 500 Beschäftigten droht das Gesetz, auch Handwerksbetriebe in Deutschland zu treffen. Denn es ist zu befürchten, dass die großen Unternehmen die umfassenden Berichts- und Kontrollpflichten zur Einhaltung von Menschenrechtsstandards, die das Gesetz vorsieht, auf ihre Zuliefererkette abwälzen und damit auch auf Handwerksbetriebe, die Teil dieser Lieferkette sind. Da stellt sich schon die Frage, wie Handwerksbetriebe mit im Schnitt fünf bis sieben Mitarbeitern das in ihrem Betriebsalltag bewerkstelligen sollen.

Entwicklungs- und Arbeitsminister wollen eine zivilrechtliche Haftung für Unternehmen einführen, und die Auflagen sollen für alle Firmen ab 500 Mitarbeitern gelten. Wäre das zu streng für Deutschlands Betriebe?
Die Forderung für eine zivilrechtliche Haftung von Unternehmen im Falle der Verletzung menschenrechtlicher Sorgfalt geht weit über die Anforderungen hinaus, die die einschlägigen internationalen Menschenrechtsstandards  vorsehen. Die Komplexität der Sachverhalte, in denen vermeintliche Menschenrechtsverletzungen geltend gemacht werden, und die Verwendung zahlreicher unbestimmter Rechtsbegriffe in dem Gesetz führen für die betroffenen Unternehmen zu einem unkalkulierbaren Prozessrisiko. Es ist zu befürchten, dass sich viele Unternehmen, um das zu vermeiden, aus Risikogebieten gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern zurückziehen werden – mit entsprechend negativen Folgen für die örtliche Wirtschaft und die Menschen.

Quelle: Opens external link in new windowZentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)